Predigt Ostern 2019

von Eckhard Hallemann

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Ostermontag/22.4.2019                    Begegnung mit dem Auferstandenen                                                                    HF

Liebe Gemeinde!

Tief ist die Sehnsucht in den Herzen der Menschen,

stark das Verlangen nach Ewigkeit

und der Wunsch, Gott möge erscheinen,

eindeutig und klar

und es könnte Auferstehung doch geben

mitten im Leben schon

und am Ende über Sterben und Tod hinaus.

Tief ist die Sehnsucht und das Verlangen nach Ewigkeit.

Etwa so, wie Richard Riess es schreibt in seinem Gedicht, seinem Gebet an Gott:

 

im dornbusch bist du erschienen

 

und im Wolkenschiff über dem Weg

 

im todeskampf des dornengekrönten

 

und im Wort deines Engels

 

mehr als zu ahnen ist oft deine Gegenwart

und dennoch bleibst du der ganz andere

 

der mauern durchbricht und grenzen sprengt

 

der den Morgen weckt

und den gesang der sterne liebt

 

lass doch noch einmal geschehen

was damals geschah

 

und wälze den stein mir vom grab

 

wirf mich ans ufer

aus dem bauch deines fisches hinüber ans land

 

wo ich von ferne ahne

was der dornbusch verbirgt

 

den glanz deiner liebe

im geheimnis des glaubens

(Richard Riess)

 

Ja, tief ist die Sehnsucht in den Herzen der Menschen

und stark das Verlangen nach Ewigkeit.

Sie hat uns Christen zusammengeführt an diesem Ostermontag,

Denn auf den manchmal geraden, manchmal krummen Wegen unseres Lebens

suchen wir alle nach dem Geheimnis des Glaubens,

nach dem Königsweg, der in Wahrheit zum Leben führt.

Von solcher Art Suchenden wird erzählt im Johannesevangelium:

Da ging Petrus und der andere Jünger hinaus, und sie kamen zum Grab.

Es liefen aber die zwei miteinander, und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grab, schaut hinein und sieht die Leinentücher liegen; er ging aber nicht hinein.

Da kam Simon Petrus ihm nach und ging in  das Grab hinein und sieht die Leinentücher liegen, aber das Schweißtuch, das Jesus um das Haupt gebunden war, nicht bei den Leinentüchern liegen, sondern daneben, zusammengewickelt an einem besonderen Ort.

Aber sie verstanden die Schrift noch nicht, dass er von den Toten auferstehen müsste.

Da gingen die Jünger wieder heim.

 

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten.

Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.

Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist.

Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du?

Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.

Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister!

Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.

Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

 

Wie erfahren wir Glück?

Wie deuten wir das Leben?

Man kann offensichtlich sehr verschiedene Dinge sehen, wenn man in ein und dieselbe Gruft schaut.

Petrus und die Jünger sehen das leere Grab, sehen Binden und Leinentücher – sonst nichts.

Maria sieht zwei Engel, als sie in die Gruft schaut.

Engel, das sind seit alters her Lebensboten.

Und zur weinenden Maria sprechen sie.

Sie sprechen so, dass sie sich umwendet –

ja, manchmal muss man nur die Perspektive wechseln, die Blickrichtung –

und dann sieht sie Jesus, ohne ihn zu erkennen.

Sie sieht ihn als Gärtner.

Bei Maria zieht der Morgen herauf

und der Fremde ruft sie bei ihrem Namen.

Sie glaubte einen Leichnam zu finden

und begegnet dem Auferstandenen.

Ein neuer Tag beginnt:

Das Weinen hat ein Ende,

die Trennung ist aufgehoben,

das Leben ist da,

das neue Paradies,

eine Ahnung von Ewigkeit.

Von Auferstehung, liebe Gemeinde,

spricht unser Text nicht.

Wie es im ganzen Neuen Testament überhaupt keinen Bericht über die Auferstehung gibt und darüber, wie Auferstehung funktioniert.

Alle Berichte des Neuen Testaments sind Begegnungen mit dem Auferstandenen.

Das ist etwas völlig anderes.

 

Es sind Geschichten im Zwielicht des Daseins,

Szenen in den Zwischenreichen des Lebens.

Der Traum ist ein Zwischenreich der Seele, in dem sich Irdisches und Himmlisches treffen.

Die Poesie ist solch ein Zwischenreich,

die Musik vor allem

ja, die Kunst überhaupt.

Das Sterben ist solch ein Zwischenreich.

Das Gebet,

die Hingabe an eine Aufgabe

und der Segen sind es,

gute Tage sind solche Zwischenreiche

oder das Glück des Augenblicks

und natürlich die Liebe.

In diesen Zwischenreichen des Daseins erfüllt sich die Sehnsucht der Menschen,

hier verbinden sich Himmel und Erde,

hier findet unser Verlangen nach Ewigkeit Erfüllung,

hier begegnen wir dem Auferstandenen.

lass doch

noch einmal geschehen

was damals geschah

und wälze den stein

mir vom grab

wirf mich ans ufer

hinüber ans land

wo ich von ferne ahne

was der dornbusch verbirgt

den glanz deiner liebe

im geheimnis des glaubens

 

So betet das gläubige Herz und der fromme Verstand

und versteht und interpretiert das ganze Leben als Begegnung mit dem Auferstandenen.

Das Ewige ist gegenwärtig im Jetzt,

die Ewigkeit erfahrbar in der Zeit.

 

Ich weiß nicht, was die Jünger von der Auferstehung erwartet haben – sie finden jedenfalls nur ein leeres Grab mit Binden und Leinentüchern.

Anders die Frauen wie Maria in unserer Geschichte: sie begegnet zuerst den beiden Engeln, dann dem Auferstandenen, ohne ihn noch zu erkennen.

 

Auch die meisten von uns suchen immer die großen Wunder,

den Dornbusch, der nicht verbrennt,

die Wolkensäule am Himmel

oder den Gekreuzigten, der uns irgendwie als Geist begegnet.

Aber so funktioniert das Geheimnis des Glaubens nicht.

 

Einzig in den Zwischenreichen des Glücks,

in der Poesie,

in der Musik,

im Gebet,

im Zwischenreich des Sterbens

und in erfüllten Augenblicken des Lebens.

In den großen Fantasien und Träumen der Menschheit,

in der Hingabe an eine Aufgabe,

ein Ziel, eine große Idee etwa

oder natürlich in der Liebe,

einzig dort treten wir in Kontakt mit der Ewigkeit.

Einzig dort begegnet uns Christus, der Auferstandene,

und trocknet unsere Tränen

und segnet unser Leben

und trägt uns zu neuen Ufern –

manchmal auch auf Wegen, die wir nicht gehen wollten,

auf mühsamen Treppen oder steinigen Pfaden

über lichte Höhen und hinter Horizonte, die wir uns selbst nicht zutrauten.

 

Tief ist die Sehnsucht des Menschen

und stark das Verlangen nach Ewigkeit.

So tief wie die Liebe Gottes

und so stark wie das neue Leben am Ostermorgen!

 

Mehr und genaueres ist an Ostern gar nicht zu sagen!

Darum nun auch nicht AMEN,

sondern: Macht es gut mit eurem Leben

und seid gespannt!

Geht euren Weg im Lichte Gottes,

            der euch im Auferstandenen

                immer wieder neu entgegen kommt…

Eckhard Hallemann

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