Martin-Luther-Kirche Söhlde

Einblicke in die Geschichte der Söhlder Kirche

Bereits von weither sichtbar, überragt seit Jahrhunderten ein goldglänzendes Kreuz die Dorfschaft Söhlde. Während sich ringsum Häuser, Höfe und Bewohner wandeln, symbolisiert es als Krönung des massiv-steinernen Kirchturms beständig das Christentum in Vergangenheit und Gegenwart.

Anfänge des lokalen Christentums

Ursprünglich war es kein biblischer Glaube, dem die Siedler entlang des Westerbachs folgten. Von dieser lange zurückliegenden Zeit zeugten noch bis vor wenigen Jahrhunderten Hügelgräber aus vorchristlicher Epoche am Nordhang des Söhlder Ballenberges. Das Ende der alten Götterverehrung setzte vor dem Jahr 800 mit dem Frankenkönig und späterem Kaiser Karl dem Großen ein: Nicht selten unter Einsatz kompromissloser Drohungen und blutiger Waffengewalt, ließ er das hiesige Volk der germanischen Sachsen zur Lehre Jesu bekehren. Ob davon auch die Söhlder betroffen waren, bleibt fraglich – denn die Existenz des Dorfes belegen Urkunden erst ab dem 23. August 1151.

Mittelalterliche Impressionen

Überhaupt erlauben die überlieferten Schriften des Mittelalters nur wenige Einblicke in die Söhlder Geschichte, so auch bezüglich der Kirche. Sicher ist eine religiöse Zugehörigkeit zum Bistum Hildesheim. In den Jahren 1253 und 1357 finden sich die örtlichen Priester Aemilius und Eghardus Wale namentlich erwähnt, ein Gotteshaus dürfte bereits vorhanden gewesen sein. Wie eine Jahreszahl am nordöstlichen Eckstrebepfeiler des einstigen Kirchenbaus zeigte, scheint im Jahr 1428 ein Umbau stattgefunden zu haben.

Reformation des christlichen Glaubens

Grundlegende Veränderungen nicht allein der kirchlichen Verhältnisse erreichten Söhlde im 16. Jahrhundert. Seit 1523 gehörte der Ort zum welfischen Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel, das 1542 die Truppen des Schmalkaldischen Bundes besetzten. Diese Vereinigung lutherischer Fürsten und Städte führte im Oktober desselben Jahres erstmals die Reformation in Söhlde ein, sodass neben den Einwohnern auch der dortige Priester Tile Schrader zum Luthertum konvertierte. Von langer Dauer blieb der Glaubenswechsel vorerst gleichwohl nicht, denn als Herzog Heinrich der Jüngere wenige Jahre später sein Territorium zurückerobert hatte, drängte er auf eine Rückkehr zum Katholizismus.

Während dieser wechselhaften Zeiten zogen 1553 die Truppen des Grafen von Mansfeld durch die Region und zeichneten ein Bild der Zerstörung: Infolge von Brandstiftung schmolzen selbst die Glocken im Söhlder Kirchturm, einzig die bruchsteinernen Mauern blieben als Ruinen erhalten.

Doch ebenso, wie die Söhlder ihr Gotteshaus wiederaufbauten, kehrte bald darauf Stabilität in Glaubensfragen zurück. Herzog Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel bestimmte das Luthertum nach seinem Regierungsantritt im Jahr 1568 zur Staatskonfession seiner Untertanen – dieses Recht hatte ihm der Augsburger Religionsfrieden von 1555 nach dem Grundsatz „cuius regio, eius religio“ („wessen Gebiet, dessen Religion“) eingeräumt. Als Leitlinie seiner Landeskirche, ließ er eine umfangreiche Kirchenordnung erarbeiten. Davon profitierte nicht zuletzt das ländliche Bildungswesen sehr, indem der Herzog die Gründung von Dorfschulen förderte. Um 1600 ist eine Söhlder Schule erstmals schriftlich erwähnt, als Lehrer wirkten über Jahrhunderte die Küster.

Dreißigjähriger Krieg und Versuche der Gegenreformation

Mit dem Dreißigjährigen Krieg kehrten die Schrecken in fürchterlichem Ausmaß zurück. Während dieses Ausnahmezustands verbrannte das alte Söhlder Pfarrarchiv, sodass sich aus dieser Zeit bis heute einzig ein Taufregister mit Beginn im Jahr 1623 vor Ort erhielt.

Als das Dorf 1643 wieder unter die Landesherrschaft des Hochstifts Hildesheim und folglich eines katholischen Bischofs geriet, schien der lutherische Glaube kurzzeitig gefährdet. Mehrfach gab es seither Rekatholisierungsversuche, direkt gegenüber dem Pfarrgrundstück richteten die jesuitischen Ordensbrüder eine katholische Hauskapelle auf ihrem Hof ein. Allerdings gewährte der Westfälische Frieden von 1648 eine Konfessionsfreiheit, sodass die deutliche Mehrzahl der Söhlder weiterhin lutherischen Glaubens blieb. Immer wieder kam es jedoch auch zu bikonfessionellen Ehen zwischen Katholiken und Lutheranern.

Eindrücke aus dem früheren Gotteshaus

Die Kirche als räumlicher Mittelpunkt des Gemeindelebens wies noch bis in das 19. Jahrhundert eine weitgehend mittelalterliche Gestalt auf, erfuhr gleichwohl mehrere Umbauten. Es handelte sich laut eines Planes von 1837 um ein rechteckiges Langschiff mit westlich angeschlossenem Turm, die Eingänge befanden sich auf der Nordseite in Form zweier Vorbauten. Pastor Balthasar Schlüter ließ 1696 bis 1703 den Kirchturm erneuern, die Gemeinde setzte demselben 1730 einen neuen Glockenstuhl auf – der jedoch statisch derart nachteilig ausfiel, dass die unteren Mauern rissen. Eine größere Reparatur des Kirchenschiffs inklusive der Errichtung eines neuen Kirchendaches erfolgte 1743.

Aufgeteilt war der Kirchenraum im Erdgeschoss durch dreireihig angeordnete Sitzbänke, von denen aus sich der Blick in Richtung des östlich gelegenen Altars sowie auf ein dahinter liegendes gotisches Fenster bot. Die Kanzel befand sich erhöht eingebettet in die südlichen Sitzreihen; ihr gegenüber fanden sich auf einem Seitengeschoss weitere Sitzgelegenheiten, in selber Höhe stand auf einer Querempore die Orgel. Einzig vom Langschiff aus führte ein Durchgang in den Turm. Mehrere Glocken hingen darin, von denen die älteste aus dem Mittelalter gestammt haben soll. Umlaufend zierten dieselbe weitgehend kryptografische Buchstabenfolgen aus gotischen Majuskeln.

 

Christliche Prägung des Denkens – das Hagelunwetter von 1772

Wie sehr der christliche Glaube die dörfliche Weltanschauung bestimmte, verdeutlicht ein extremes Hagelunwetter vom 19. Juli 1772. Nahezu das gesamte Getreide verloren die Söhlder damals auf ihren Feldern – katastrophal für eine Gesellschaft, die sich weitgehend selbst mit Nahrungsmitteln versorgte und den Hauptteil ihres Einkommens aus dem Handel mit Feldfrüchten erzielte. Viele Söhlder mussten in Folge dessen „nach Brot gehen“, d.h. betteln. Um vor ähnlichem Unheil bewahrt zu bleiben, begehen die Gemeindeglieder seither alljährlich eine Hagelfeier als Buß- und Bettag.

Neubau der Kirche

Geradezu lebensgefährlich scheint der Zustand des Söhlder Gotteshauses zu Beginn des 19. Jahrhunderts gewesen zu sein: Nicht nur warnte der Landesbaumeister vor dem Läuten der Glocken, Pastor Francke fürchtete 1821 gar ernsthaft einen Einsturz. Aus dieser Situation heraus entstand ab dem Jahr 1840 in mehreren Bauphasen das heutige Erscheinungsbild der Kirche. Zwei Jahre lang arbeiteten Handwerker zunächst an der Errichtung des heutigen Kirchturms aus Hoheneggelsener Bruchsteinen, dessen Ecken sie mit Sandsteinquadern verstärkten. Während dieser Bauzeit stellte der Ackermann Wilhelm Behrens sein neues Haus für den Gottesdienst zur Verfügung, heute bekannt als Buddes Hof.

Allerdings wuchs die Bevölkerung derart stark an, dass die Kirche zu Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr ausreichend Sitzgelegenheiten für die rund 1000 Söhlderinnen und Söhlder bieten konnte. Daher entstanden 1892 zunächst Erweiterungsbauten am östlichen Längsschiff, bestehend aus einem Querschiff sowie einem abgerundeten Chor. Bald nach 1900 wich zudem das Längsschiff einem Neubau, sodass in der heutigen Kirche nur noch äußerst wenige Mauerreste dem Vorgängerbau entstammen. 

 

Repressionen unter nationalsozialistischer Diktatur

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung äußerten sich auch im Söhlder Kirchenwesen Folgen der neuen Regierung. Seit den Kirchenvorstandswahlen von 1933 gehörte nur noch ein Kirchenvorsteher nicht der NSDAP an, später traten einige überzeugte Nationalsozialisten aus der Kirche aus. Die Pfarrscheune musste als eines von mehreren lokalen Gebäuden für die Unterbringung von Zwangsarbeitern zur Verfügung gestellt werden. Staatliche Machtdemonstrationen und Repressionsmaßnahmen erfuhr die Kirche mehrfach, auch der vertretende Pastor Gerlach fiel ihnen zum Opfer: Vom 9.-12. Juni 1941 hielt ihn die Gestapo gefangen, weil er das Geläut zu einer weltlichen Trauerfeier in Söhlde versagt hatte. Rund zwei Wochen später brachen mehrere Nationalsozialisten gewaltsam in die Kirche ein – doch den Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs wies der Gauleiter als unbegründet zurück.

Historisches Kircheninventar und Denkmäler

Über die Jahrhunderte kam die Söhlder Kirche immer wieder in den Genuss von Stiftungen. Erhalten hat sich beispielsweise ein Abendmahlskelch des Obristleutnants Hans Isern aus dem 17. Jahrhundert, ebenso ein Taufengel bislang unbekannten Alters. Besonderheiten bilden daneben mehrere detailreiche Buntglasfenster sowie eine vom Ehepaar Dammann zugeeignete Lutherbibel von 1660. Zur dauerhaften Mahnung erinnern Denkmäler nicht nur an die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege, sondern auf dem 1935 eingeweihten Friedhof am Steinbrücker Weg zudem an die Opfer des Bombenabwurfs vom 13. August 1944.

Die Kirchengemeinde in der Gegenwart

Seit dem Jahr 1953 verfügt Söhlde über eine Friedhofskapelle, in deren Innerem sich als Rarität ein Altar aus gehärtetem Kreidegestein befindet. Ebenso wie die Kirchengemeinde, trägt das Gotteshaus seit 1983 den Namen des Reformators Martin Luther. Als lokale Verwaltung dient ein Pfarrbüro mit Sitz im historischen Pfarrhaus aus dem Jahre 1835. Benachbart findet sich die ansprechend hergerichtete Pfarrscheune, in der sich Versammlungsräume und Küche sowie Fremdenzimmer und Sanitäreinrichtungen bieten. Nicht zuletzt dank mehrerer Sanierungs- und Renovierungsmaßnahmen, gehören die kirchlichen Bauten Söhldes zweifelsohne zu den Sehenswürdigkeiten des Dorfes – und repräsentieren gemeinsam mit den Gemeindegliedern auch künftig das Christentum vor Ort.